Wie Bedürfnisse zu Problemen werden können

Wir Menschen leben in einer Welt, die immer schneller dreht. Eine Welt, die rast, fordert, die uns antreibt, als wären wir nur kleine Zahnräder in einem riesigen, unersättlichen System. Eine Welt, die zu uns ruft - schneller zu werden, stärker, effizienter - als müssten wir uns jeden Tag beweisen, um überhaupt ein Recht zu haben, da zu sein. Dieses System verlangt nach Wachstum, und wir bezahlten dafür mit unserem eigenen Menschsein.

Und dieser Preis beginnt nicht erst im Erwachsenenleben. Es beginnt dort, wo wir noch Kinder sind.

Ein Kind kommt voller Neugier zur Welt - mit strahlenden Augen, unbändigem Forschergeist und einer Freude, die ganz ohne Grund in ihm brennt. Doch kaum beginnt dieses kleine Wesen, die Welt zu begreifen, wird es in ein Korsett gesteckt. Unser Erziehungs - und Schulsystem hat klare Vorstellungen davon, wie ein Mensch zu sein hat, um " nützlich " zu sein.


 Wir Eltern wiederholen beim ersten Schultag Worte, die wir selbst schon gehört haben:

" Jetzt fängt der Ernst des Lebens an. " Ein Satz, der schwerer ist, als er klingt.

So beginnt sich in vielen Kindern früh etwas einzubrennen:

Lernen ist nicht zum Freuen da.

Entwicklung ist keine Entdeckungsreise, sondern Pflichterfüllung.


Ihre natürliche Begeisterung - dieses zarte, wilde Licht - verblasst allmählich. Denn die unausgesprochene Botschaft lautet:


 " Was du liebst, spielt keine Rolle - wichtig ist nur, dass du funktionierst. "

 Mit jedem Jahr lernen Kinder ein Stück mehr, dass nicht ihr Staunen zählt, nicht ihr inneres Feuer, nicht ihr eigener Rhythmus.

Entscheidend sind Erwartungen, Regeln, Bewertungen. Sie spüren, dass ihre Freude nicht gefragt ist - aber ihre Ergebnisse schon.


So werden aus freien kleinen Menschen langsam angepasste Wesen, die brav in ein System passen sollen. Sie unterdrücken ihre eigene Stimme, bis sie kaum noch hörbar ist. Ihre Fantasie, ihre Kreativität, ihre innere Kraft - all das wird leiser, weil das System keinen Platz dafür lässt.

Und irgendwann geschieht etwas Tragisches - Sie vergessen, wer sie einmal waren.

Was bleibt, sind Erwachsene die funktionieren, aber innerlich leer sind. Menschen, die gelernt haben ihre Bedürfnisse zu übergehen, bis sie sie nicht mehr spüren. Und genau in diese Leere drängt etwas, das für einen kurzen Moment zu füllen scheint - Konsum, Konsum - wird zum Ventil, zur Flucht, zur Ersatzbefriedigung: Luxus, Markenartikel, Reize, immer mehr, alles, um das Loch zu stopfen, das die verlorene Freude und das verdrängte Selbst hinterlassen haben.

" Konsum ist nur ein Pflaster auf einer Wunde, die unsere eigene Freude gerissen hat. "

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Gerald Hüther Jahrgang 1951, ist Professor für Neurobiologie und gehört zu den renommiertesten und bekanntesten Hirnforscher der Republik. Er versteht sich als " Brückenbauer " zwischen wissenschaftlichen Erkenntnis und gesellschaftlicher Lebenspraxis. Über seine Vision eines besseren Bildungssystems schreibt er in seinem aktuellen Buch.